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Maßnahmen für Arbeitsmarkt günstiger als gedacht

Die Arbeitslosigkeit sinkt – und davon haben nicht alle etwas. Ältere Arbeitslose und Arbeitssuchende mit gesundheitlichen Problemen haben kaum etwas von den neuen Arbeitsplätzen. Und Maßnahmen, die ihnen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern könnten, sind als teuer und ineffizient verschrien. Zu Unrecht, wie ExpertInnen auf Einladung der AK Niederösterreich vorrechneten. Bei manchen ist Österreich sogar internationaler Vorreiter.

AK-Wieser mit ExpertInnen © W. Prinz, AK

Bilder: AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser mit ExpertInnen


AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser © W. Prinz, AK







Problem Verarmung

Österreich hat ein Problem mit der Langzeitarbeitslosigkeit. Zwischen 1995 und 2016 hat sich etwa die Zahl der Menschen, die Notstandshilfe beziehen mehr als verdoppelt. Mittlerweile ist mehr als jedeR zweite Arbeitslose NotstandshilfebezieherIn. Und bezogen 1995 nur etwas mehr als 60.000 Menschen Sozialhilfe, bekommen heute fast 308.000 Menschen Bedarfsorientierte Mindestsicherung (BMS) – wobei in dieser Zahl auch Kinder eingerechnet sind oder Menschen, deren Gehalt oder Arbeitslosengeld unter der Mindestsicherung liegt und aus der Mindestsicherung aufgestockt wird. „Wir haben ein Problem der Verarmung“, sagt Expertin Biffl.

Österreich macht's richtig

Eines, das für manche Gruppen nicht kleiner werden wird, sagt Helmut Mahringer vom WIFO. Vor allem ältere Arbeitslose und solche mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben kaum etwas vom Aufschwung am Arbeitsmarkt. Hier bestehe die Gefahr, dass sich Arbeitslosigkeit verfestige. Erfolg versprechen aus Sicht des WIFO Maßnahmen wie Sozialökonomische Betriebe (SÖB) und Gemeinnützige Beschäftigungsprojekte. Das ergibt eine Studie, die das WIFO vor kurzem fertiggestellt hat. Im Durchschnitt sind Menschen, die an solchen Maßnahmen teilgenommen haben, um elf Prozent häufiger beschäftigt als Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten. Am stärksten ist der Effekt in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre, bei Menschen mit Behinderung und bei Langzeitbeschäftigungslosen.
Ein unerwarteter Effekt, sagt Mahringer. „Internationale Studien sehen in anderen Ländern einen geringeren Effekt. Österreich scheint hier etwas richtig zu machen.“

Sperre des Arbeitslosengeldes verschärft Situation

Wenig Auswirkungen, ob jemand einen Arbeitsplatz findet, haben hingegen das Auslaufen des Arbeitslosengeldes und das Abrutschen in die Notstandshilfe oder gar die Sperre des Arbeitslosengeldes. Sie machen die Situation nur für die Betroffenen schwieriger.

Kosten spielen sich wieder rein

Und diese Projekte sind weitaus günstiger als ihr Ruf, rechnen AK Niederösterreich-Experten Maximilian Weh und Jürgen Figerl vor. „Bei einem Sozialökonomischen Betrieb sind zwar die Anfangskosten sehr hoch, das spielt sich aber bald wieder herein“, sagt Weh. Erstens zahlen die Betroffenen schon während ihrer Zeit im Projekt Lohnsteuer und Sozialabgaben – und können sich dank Kollektivvertragslohns auch mehr leisten als vom Arbeitslosengeld oder der BMS. Sie zahlen also auch mehr Umsatzsteuer. Außerdem erwirtschaften die Betriebe auch selbst Geld. Zweitens finden dank der Maßnahme Betroffene einfacher eine Beschäftigung. "Durch diese Faktoren lohnt es sich auch ökonomisch für den Staat: Beispielsweise rechnet sich eine Investition in einen Sozialökonomischen Betrieb bereits nach 5 bis 6 Jahren. Dann sind die Nettogesamtkosten für den Staat niedriger als Menschen in Arbeitslosigkeit", sagt AK-Arbeitsmarktexperte Figerl.

100 Euro im Monat

Deutlich günstiger als kolportiert wäre auch die vor kurzem abgeblasene Aktion 20.000. Netto kostet ein solcher Arbeitsplatz die öffentliche Hand um 100 Euro im Monat mehr als den oder die Betroffene in der Arbeitslosigkeit zu belassen. Verhilft ein solcher Job einem Über-50-Jährigen zu einem nicht geförderten Arbeitsplatz, schaut sogar ein Gewinn heraus.

Aktion 20.000 kostet nur 100 Euro mehr pro Monat. © Grafik: M. Gattinger, AK

Berechnungen

Beispiel 1

Aktion 20.000

(Einkommen 2.267 Euro brutto/Monat)

Nettoeinkommen 23.065 Euro
+ Arbeitnehmerabgaben8.673 Euro
= Bruttoeinkommen31.738 Euro
+ Arbeitgeberabgaben9.661 Euro
= Förderkosten insgesamt41.399 Euro


Rückflüsse an den Staat

Arbeitnehmerabgaben:
- SV-Beitrag5.706 Euro
- Lohnsteuer2.967 Euro

Arbeitgeberabgaben:

(ohne Mitarbeitervorsorgekasse und Dienstgeberzuschlag)

- SV-Beitrag6.795 Euro
- Familienlastenausgleichsfonds1.428 Euro
- Kommunalsteuer952 Euro
Zusätzliche USt aus höherem Konsum:977 Euro


Arbeitslose Person mit Notstandshilfebezug

(voriger Verdienst etwa 3.750 brutto/Monat)

Tagsatz Notstandshilfe netto 48,32 Euro17.637 Euro
+ SV-Abgaben7.760 Euro
+ Förderkosten für Schulungen etc.2.356 Euro
+ Betreuungskosten beim AMS1.391 Euro
= Aufwand bei Arbeitslosigkeit29.144 Euro


Rückfluss an den Staat

- SV-Abgaben7.760 Euro


Differenz

Das ergibt eine Differenz von 100 Euro/Monat pro Person.


Beispiel 2

Aktion 20.000

(Einkommen 1.800 Euro brutto/Monat)

Nettoeinkommen19.304 Euro
+ Arbeitnehmerabgaben5.896 Euro
= Bruttoeinkommen25.200 Euro
+ Arbeitgeberabgaben7.628 Euro
= Förderkosten insgesamt32.828 Euro


Rückflüsse an den Staat

Arbeitnehmerabgaben:
- SV-Beitrag4.530 Euro
- Lohnsteuer1.365 Euro

Arbeitgeberabgaben:

(ohne Mitarbeitervorsorgekasse und Dienstgeberzuschlag)

- SV-Beitrag5.395 Euro
- Familienlastenausgleichsfonds983 Euro
- Kommunalsteuer756 Euro
Zusätzliche USt aus höherem Konsum:1.144 Euro


Arbeitslose Person mit Notstandshilfebezug

(voriger Verdienst etwa 2.250 brutto/Monat)

Tagsatz Notstandshilfe netto 32 Euro11.680 Euro
+ SV-Abgaben5.544 Euro
+ Förderkosten für Schulungen etc.2.356 Euro
+ Betreuungskosten beim AMS1.391 Euro
= Aufwand bei Arbeitslosigkeit20.971 Euro


Rückfluss an den Staat

- SV-Abgaben5.544 Euro


Differenz

Das ergibt eine Differenz von 269 Euro/Monat pro Person.


Beispiel 3

Aktion 20.000

(Einkommen 1.800 Euro brutto/Monat)

Nettoeinkommen19.304 Euro
+ Arbeitnehmerabgaben5.896 Euro
= Bruttoeinkommen25.200 Euro
+ Arbeitgeberabgaben7.628 Euro
= Förderkosten insgesamt32.828 Euro


Rückflüsse an den Staat

Arbeitnehmerabgaben:
- SV-Beitrag4.530 Euro
- Lohnsteuer1.365 Euro
Arbeitgeberabgaben:
(ohne Mitarbeitervorsorgekasse und Dienstgeberzuschlag)
- SV-Beitrag5.395 Euro
- Familienlastenausgleichsfonds983 Euro
- Kommunalsteuer756 Euro
Zusätzliche USt aus höherem Konsum:1.342 Euro


Arbeitslose Person mit Notstandshilfebezug

(voriger Verdienst etwa 1.350 brutto/Monat)

Tagsatz Notstandshilfe netto 24 Euro8.760 Euro
+ BMS-Ergänzungsleistung/Jahr1.597 Euro
+ SV-Abgaben (NH + BMS)3.459 Euro
+ Förderkosten für Schulungen etc.2.356 Euro
+ Betreuungskosten beim AMS1.391 Euro
= Aufwand bei Arbeitslosigkeit17.563 Euro


Rückfluss an den Staat

- SV-Abgaben3.459 Euro


Differenz

Das ergibt eine Differenz von 363 Euro/Monat pro Person.


Beispiel 4

Aktion 20.000

(Einkommen 1.500 Euro brutto/Monat)

Nettoeinkommen16.953 Euro
+ Arbeitnehmerabgaben4.047 Euro
= Bruttoeinkommen21.000 Euro
+ Arbeitgeberabgaben6.356 Euro
= Förderkosten insgesamt27.356 Euro


Rückflüsse an den Staat

Arbeitnehmerabgaben:
- SV-Beitrag3.355 Euro
- Lohnsteuer692 Euro

Arbeitgeberabgaben:

(ohne Mitarbeitervorsorgekasse und Dienstgeberzuschlag)

- SV-Beitrag4.496 Euro
- Familienlastenausgleichsfonds819 Euro
- Kommunalsteuer630 Euro
Zusätzliche USt aus höherem Konsum:989 Euro


Arbeitslose Person mit Notstandshilfebezug

(voriger Verdienst etwa 1.350 brutto/Monat)

Tagsatz Notstandshilfe netto 24 Euro8.760 Euro
+ BMS-Ergänzungsleistung/Jahr1.597 Euro
+ SV-Abgaben3.459 Euro
+ Förderkosten für Schulungen etc.2.356 Euro
+ Betreuungskosten beim AMS1.391 Euro
= Aufwand bei Arbeitslosigkeit17.563 Euro

Rückfluss an den Staat

- SV-Abgaben3.459 Euro

Differenz

Das ergibt eine Differenz von 189 Euro/Monat pro Person.

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