Aufsichtsratarbeit in der Krise? Quo vadis?
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Die AK hat die Krise zum Anlass genommen, bei den BetriebsrätInnen nachzufragen, wie sich die Aufsichtsratsarbeit in stürmischen Zeiten gestaltet. AKNÖ-
Die Befragung
Der Rücklauf der Online-Befragung war hervorragend, die BetriebsrätInnen im Aufsichtsrat sehr engagiert: In zwei Wochen gab es 350 Zugriffe auf die Website, 290 Fragebögen wurden von BetriebsrätInnen aus ganz Österreich vollständig ausgefüllt, 51 davon betreffen niederösterreichische Unternehmen. „Die Ergebnisse stimmen nachdenklich“, sagt AKNÖ-Expertin Marion Ibetsberger. „Es scheint so, als ginge trotz der schwersten wirtschaftlichen Krise der letzten Jahrzehnte alles so weiter wie bisher.“
Keine Zeit
„Man sollte meinen, dass in Zeiten wie diesen, der Aufsichtsratsarbeit besonders viel Zeit und Raum zugestanden wird“, so Ibetsberger. „Die Studienergebnisse sprechen aber eine andere Sprache: Trotz Krise werden die Aufsichtsratsbeschlüsse im Eilzugstempo durchgezogen. In sieben von zehn Betrieben hat sich die Sitzungsdauer nicht verlängert.“ Und auch thematisch gesehen gibt es Enttäuschungen: die krisenbedingt heißen Eisen Risikogeschäfte, Veranlagungspolitik und Managergehälter werden nicht öfter angepackt als sonst. „In den Sitzungen nahm man sich nur für die vordringlichsten Themen wie Unternehmensstrategie, Marktanalysen, Investitionen, sowie Liquiditäts- und Finanzplanung Zeit.“ Und obwohl laut der jährlichen Insolvenzursachen-Statistik des Kreditschutzverbandes mehr als 70 Prozent der Insolvenzen aufgrund von Managementfehlern entstehen, ist die Leistung des Vorstandes nur in einem von zehn Unternehmen ein Aufsichtsratsthema.
URÄG
Auch das vor einem Jahr in Kraft getretene Unternehmensrechtsänderungsgesetz und der damit eingeführte Prüfungsausschuss war Thema der Befragung: „9 von 10 AufsichtsrätInnen gaben an, nicht mehr oder intensivere Sitzungen zu haben als vor der Krise, bei 73,9 Prozent fehlen weiterhin detaillierte Unterlagen und bei 60,9 Prozent kommt es auch weiterhin nicht zu ausführlicheren Berichten des Vorstandes. In mehr als der Hälfte der Unternehmen werden auch in Krisenzeiten keine externen ExpertInnen beigezogen“, erklärt Ibetsberger. Erstaunlich ist auch, dass in 36,8 Prozent der Unternehmen zum Zeitpunkt der Befragung erst ein Treffen des Prüfungsausschusses stattgefunden hat und in 26,3 Prozent der Unternehmen hat der Ausschuss 2009 sogar noch nie getagt. Und wenn dann eine der seltenen Sitzungen stattfindet, dauert sie weniger als eine oder maximal zwei Stunden. Wie man in einer Stunde einen Jahresabschluss prüfen und das interne Kontrollsystem sowie das Risikomanagement kritisch hinterfragen soll, ist der AKNÖ-Expertin jedoch rätselhaft.
Old Boys Network
Auf die Frage, von wem die Aufsichtsratssitzung dominiert wird, stellen sich klare Alphatiere heraus: 73 Prozent nennen den Vorstand, mit 68,4 Prozent kommt erst danach der Aufsichtsrats-Vorsitzende, dann die Kapitalvertreter mit 24,2 Prozent und nur 14,7 Prozent gaben an, dass die ArbeitnehmervertreterInnen die Aufsichtsratssitzung dominieren.
„Auch das Engagement mancher Aufsichtsratsmitglieder lässt laut den Befragten Wünsche offen: sieben von zehn BefragungsteilnehmerInnen gaben an, dass die Sitzung nur ein Formalakt ist.“ Laut Ibetsberger ist das gut nachvollziehbar: „Da Aufsichtsräte bis zu zwanzig Aufsichtsratsmandate innehaben dürfen, kann man sich ausrechnen, dass das Engagement und Interesse aufgrund von Zeitproblemen manchmal zu wünschen übrig lässt. In den Sitzungen wird dann eher eilig auf ein zügiges Ende gedrängt, als dass man sich in Ruhe offenen und kritischen Fragen widmet.“ Zusätzlich zahnlos macht die Aufsichtsratssitzung die Tatsache, dass sich im Aufsichtsrat trifft, was sich sonst schon bei der Jagd und im Golfclub begegnet. „In diesem Old Boys Network liegt es nahe, dass wenig kritische Fragen gestellt werden. Man kennt sich, macht sich die Dinge schon im Vorhinein aus und winkt Entscheidungen möglichst rasch durch“, analysiert Ibetsberger die Dynamik, die sie von vielen Aufsichtsräten kennt.
Ihr Rat an alle ArbeitnehmervertreterInnen: sich dennoch nicht unterkriegen oder drängen lassen: „Man darf nicht vergessen, dass die BetriebsrätInnen im Aufsichtsrat neben dem Vorstand – der ja überprüft wird – die einzigen Mitglieder mit echtem Insiderwissen sind. Sie können daher Maßnahmen bezüglich Auswirkung und Umsetzungsmöglichkeit im Betrieb ganz anders beurteilen als außenstehende KapitalvertreterInnen und somit neue Perspektiven in Entscheidungsprozesse bringen.“ Auch sollten sie sich in puncto fristgerechter Übermittlung der Sitzungsunterlagen nicht scheuen, sich auf die Geschäftsordnung zu berufen und weitreichende Entscheidungen aufgrund mangelhaft aufbereiteter oder zu spät vorgelegter Daten auf einen neuen Sitzungstermin zu verschieben. „Wird dies von den anderen Aufsichtsratsmitgliedern nicht angenommen, empfiehlt es sich jedenfalls, die Einwände zu Protokoll zu bringen. Das erhöht erfahrungsgemäß auch den Druck auf das Verantwortungsbewusstsein der KapitalvertreterInnen“, so die AKNÖ- Expertin.
Frauenquote
Auf das Stichwort Old Boys Network angesprochen, hat Ibetsberger eine klare Vision: „Die Einführung einer Frauenquote würde sofort zum Aufbrechen althergebrachter und dysfunktionaler Strukturen führen und nachhaltig für eine Kulturveränderung in der Aufsichtsratsarbeit sorgen.“ Sie empfiehlt diesen Input möglichst bald gesetzlich zu verankern. Zumindest ebenso rasch muss jedoch das nachgeholt werden, was bisher nicht passiert ist: Das Lernen aus der Krise. „Sonst steht die nächste – schwerwiegendere – Krise bereits vor der Tür.“
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